Aktuelles Heft #133


Cover Ausgabe 133 mit Linolschnitt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»sarska i rurska oblast« seien, so lehrte uns in der sechsten Grundschulklasse in Tuzla unsere Geografielehrerin Gordana Acić, die wichtigsten Zentren der europäischen Schwerindustrie. Damals hörte ich zum ersten Mal von Saar- und Ruhrgebiet, ich lebte noch in Jugoslawien, und wir lernten gerade etwas über die Bundesrepublik Deutschland. Als ich 1992 als Kriegsflüchtling aus Sarajevo ins Saarland kam, war von diesen einst mächtigen Industriezentren wenig übrig geblieben. Wie sie überhaupt entstanden sind und wie ihre Entwicklung verlaufen ist, beschreibt der in Harvard Geschichte lehrende Professor Sven Beckert in seinem neuen Buch »Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution«, das 2025 beim Rowohlt Verlag herausgegeben wurde. Darin beschreibt er das Saarrevier, Völklingen und seine Hütte als zentrale Orte des globalen Kapitalismus – neben Glasgow, New York, Rio de Janeiro oder Mumbai.

Ich bin sehr froh, dass er für diese Ausgabe der Saarbrücker Hefte die im Buch in vier Kapiteln eingebundene Geschichte Völklingens und der Familie Röchling als einen neuen eigenständigen Text geschrieben hat. Über sein Buch und seine Beziehung zum Saarland und Völklingen spricht er für die Hefte mit David Lemm.

Valérie Hendrich, die als Meisterschülerin von Prof. Wolfgang Nestler in der Handwerkergasse der Völklinger Hütte studierte, hat das Titelbild für diese Ausgabe gestaltet. Auf der Grundlage ihrer handgeschnitzten Vorlage wurde auf einer alten Maschine in der Druckerei Blattlaus die Titelseite hergestellt. Der manuelle Druck macht auch das Heft, das Sie gerade lesen, zu einem Unikat.

Um die saarländische Wirtschaft geht es auch im Text von Autor Jonas Boos. Er plädiert für eine sozialgerechte und naturverträgliche Verkehrswende, von der auch die Arbeiterschaft im Saarland profitieren könnte. Wie sich der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie auf die Lebenswelten der Menschen auswirkt, schildert Ekkehart Schmidt in der Fortsetzung seiner Fahrrad-Kneipentour Richtung Sulzbach.

Hefte-Bahn-Experte Werner Ried macht sich Gedanken, wie das Saarland besser in das Bahnnetz eingebunden werden kann. Er erklärt, warum er große Hoffnung mit dem Hybridzug »Regiolis«, der in Frankreich schon im Einsatz ist, verbindet. Redakteur Klaus Gietinger erinnert an den gewaltsamen Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar am 2. Februar 2026 im Regionalzug auf der Strecke zwischen Landstuhl und Homburg Saar. Der 16 Jahre für die Bahn tätige alleinerziehende Vater zweier Söhne wurde bei einer Fahrscheinkontrolle von einem Fahrgast totgeschlagen.

Brutal ermordet wurde auch Samuel Kofi Yeboah, Flüchtling aus Ghana. Er verbrannte am 19. September 1991 bei einem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Saarlouis. Warum die Tat erst 30 Jahre später aufgeklärt wurde und welche unrühmliche Rolle dabei die saarländische Polizei und Politiker spielten, versuchte ein Untersuchungsausschuss des Landtags zu klären. Patrick Hackenspiel, Roland Röder und Hans Wolf, die an den öffentlichen Ausschusssitzungen teilgenommen haben, ziehen für die Hefte eine erste Bilanz.

Hefte-Autor Luca Zarbock nimmt die Gründung der AfD-Jugend im Saarland am 28. Februar 2026 zum Anlass, über die rechtsradikalen Strukturen, Mentalitäten der AfD-Jugend und ihrer Paten zu recherchieren.

Wohin der Wunsch der AfD-Jugend nach einer homogenen und »gesunden« Volksgemeinschaft und die daraus zwangsläufig folgende entgrenzte Gewalt führen kann, hat das Saarland in den Jahren 1935–1945 erlebt.

Dies kann unter anderem bei Hans Trautes in dessen »Erinnerungen an Saarbrücken während des Zweiten Weltkrieges 1939–1945« nachgelesen werden (siehe auch Heft Nr. 132). In dieser Ausgabe drucken wir seine Darstellung der Ermordung zweier junger »Fremdarbeiter« auf der Reitbahn der ehemaligen Ulanen-, später Polizeikaserne zwischen Mainzer, Hellwig- und Halbergstraße wegen zweier Gläser Marmelade. Die Polizeikaserne war neben der Gestapozentrale am Schloss und dem KZ-Lager Neue Bremm eine wichtige Zentrale der NS-Herrschaft in Saarbrücken.

Die Verfolgung homosexueller Männer ging auch nach dem Ende des NS-Regimes weiter. Darüber hat, unter anderem in der letzten Ausgabe, Hefte-Autor Marcel Wainstock geschrieben. Wir setzen seine Erzählung über die Geschichte der homosexuellen Männer in Saarbrücken 1961–2021 fort. Neben seinen persönlichen Erlebnissen in der schwulen Subkultur porträtiert er Hasso Müller-Kittnau, der seit den 1970er-Jahren eine zentrale Rolle im Kampf für die Gleichstellung und Akzeptanz der Homosexuellen spielt.

Kulturjournalist und Hefte-Autor Uwe Loebens blickt auf die erste Spielzeit am Saarländischen Staatstheater unter dem Intendanten Michael Schulz. Im Gespräch erklärt Schulz, unter anderem, warum er gerne Puppentheater als neue Sparte etablieren möchte.

Autor Erich Später schreibt seit 25 Jahren für die Saarbrücker Hefte. In dieser Ausgabe beschreibt er den Abstimmungskampf 1955 über die Europäisierung der Saar und sucht Erklärungen für das Scheitern der saarländischen Republik (1947–1955) und der sie tragenden katholischen und sozialdemokratischen Wider­standskämpfer.

Die Galerie in diesem Heft gehört dem Klang- und Lichtkünstler Roman Conrad. Redakteur Volker Schütz würdigt den Ausnahmekünstler in einer Laudatio. Ich freue mich, dass Roman Conrad bei der Vorstellung dieses Hefts am 12. Mai 2026 ab 18 Uhr im N.N. 19, zu der ich Sie herzlich einlade, anwesend sein wird und eine Kostprobe seiner Kunst vorstellt.

»Mehr als ein Haufen Steine« ist für den Schriftsteller Hans Therre das saarländische Dorf seiner Kindheit und Jugend. Dieses hat aber, wie Therre bekennt, so nie wirklich, sondern nur in seiner verklärenden Erinnerung existiert. Ich freue mich sehr, dass dieser großartige Autor seine Miniatur den Heften anvertraut hat.

Zum Abschluss empfehle ich Ihnen die Buchbesprechung des langjährigen Landesarchivars Peter Wettmann-Jungblut über die Rechtswissenschaften an der Saar. Darin erfahren Sie, unter anderem, dass Franz-Josef Degenhardt, den meisten Menschen als »linker Liedermacher« und Akteur der 1968er-Bewegung bekannt, 1966 an der Saar-Universität im Fach Jura promoviert hat.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich hoffe, Sie werden das Heft mögen und es weiterempfehlen. Einen schönen Sommer wünscht Ihnen Ihre

Sadija Kavgić

Editorial

Sadija Kavgić

Wirtschaft

Sven Beckert

Monument des globalen Kapitalismus
Völklinger Hütte

David Lemm

Das Saarland ist »ein zentraler Ort kapitalistischer Entwicklung« – Ein Gespräch mit Sven Beckert

Jonas Boos

Lokomotive statt Autos
Verkehrswende als Chance für die saarländische Industrie

Ekkehart Schmidt

Liebevoll dekoriert, gar nicht spießig

Auf der Kneipentour nach Sulzbach

Bahn

Werner Ried

Wann kommt »Regiolis«? Hybrid-Zug soll den grenzüberschreitenden Bahnverkehr verbessern

Klaus Gietinger

Sicherheit ist nicht verhandelbar

Ein Kommentar zum gewaltsamen Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar

Zeitgeschehen

Patrick Hackenspiel, Roland Röder und Hans Wolf

Yeboah-Untersuchungsausschuss beendet

Eine Bilanz

Luca Zarbock

Rechtsradikale Beutegemeinschaft – Neues von der saarländischen AfD und der Generation Deutschland

Hans Trautes

Hinrichtungsort Reitbahn – Erinnerungen an Saarbrücken während des Zweiten Weltkrieges 1939–1945

Sadija Kavgić

Gedenkort Polizeikaserne Mainzer Straße

Schwulsein

Marcel Wainstock

Homosexuelle Männer in Saarbrücken 1961‒2021

Illegalität, Subkultur und Emanzipation

Theater

Uwe Loebens

»Theater darf auch gefallen« Die erste Spielzeit des Staatstheater-Intendanten Michael Schulz

Saargeschichte

Erich Später

Das Ende der saarländischen Republik
Teil 1 – Machtwechsel

Galerie

Volker Schütz

Roman Conrad ‒ Eine Karriere von ganz untn

Film

Uschi Schmidt Lenhard

»Nachdenken, warum das alles so ist«

Zum 120. Geburtstag von Wolfgang Staudte

Literatur

Hans Therre

Mehr als ein Haufen Steine

Rezension

Peter Wettmann-Jungblut

Saarbrücker Juristen von A(ubin) bis Z(euner)

Ludyga, Hannes / Aradovsky, Dan / Dörrenbächer, Simon (Hrsg.): Rechtswissenschaften an der Saar.

Sven Beckert, geb. 1965, ist ein deutsch-­US-amerikanischer Historiker und Laird Bell Professor of History an der Harvard University. Er beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert und der Geschichte des Kapitalismus. Seine wichtigsten und in viele Sprachen übersetzten Werke sind »King Cotton: Eine Geschichte des globalen Kapitalismus« (2014, Verlag C.H. Beck) und »Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution« (2025, Rowohlt Verlag).

Jonas Boos lebt in Saarbrücken, engagiert sich politisch (außerparteilich), arbeitet als Diplom-Volkswirt bei der Arbeitskammer des Saarlandes und ist dort auch als Personalrat tätig.

Roman Conrad, geb. 1973, ist
Diplomkünstler (Freie Kunst, HBKsaar), Meisterschüler von Prof. Oldörp. Davor: Ausbildungen zum Schlosser und zum Altenpfleger. Er stellt im öffentlichen Raum aus (Projekt »Parleur«) und arbeitet mit experimenteller Musik, Klangmaschinen und Lichtinstallationen. Er lebt und arbeitet in Saarbrücken.

Klaus Gietinger, Autor, Regisseur und Sozialwissenschaftler. Kinofilme, TV-Movies, Serien, Kinder-, Dokumentarfilme, Drehbücher, Tatorte. 15 Sachbücher und drei Romane, zuletzt 2026: »Tote auf Urlaub ‒ Berlin 1919«. www.gietinger.de

Patrick Hackenspiel, Mitarbeiter der Aktion 3. Welt Saar. Er beteiligte sich an der Aufarbeitung des Mordfalls Samuel Yeboah. www.a3wsaar.de

Valérie Hendrich, geb. 1973, ist Diplomkünstlerin (Freie Kunst, HBKsaar), Meisterschülerin von Prof. Wolfgang Nestler und studierte in der Handwerkergasse, Völklingen. Sie stellt im öffentlichen Raum aus (Projekt »Lettres miroir«), arbeitet grafisch, singt und schreibt Liedtexte. Derzeit arbeitet sie in ihrem Atelier in Meisenthal.

Sadija Kavgić, Journalistin und Übersetzerin. Geboren in Tuzla, Jugoslawien. Infolge der Belagerung von Sarajevo 1992 bis 1996 kam sie nach Deutschland. Publiziert in Deutschland und Bosnien und Herzegowina. Presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Saarbrücker Hefte seit 2019. Lebt in Saarbrücken.

David Lemm ist Lehrer und schreibt als freier Mitarbeiter für die Saarbrücker Zeitung.

Uwe Loebens, geb. 1958, Künstler und Kulturjournalist.

Werner Ried, Eisenbahner und Diplomgeograph, Dr. phil. mit Dissertation zum Schienenverkehr SaarLorLux. Er arbeitet bei DB InfraGO und Europe’s Rail. Ehrenamtlich ist er Vorstandsvize des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) im Saarland.

Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3. Welt Saar sowie Kleingärtner und Fußballfan. Er ist seit Jahren an der Aufarbeitung des Mordfalls Samuel Yeboah beteiligt. Seine politischen Schwerpunkte sind Agrarpolitik, Antisemitismus und Islamismus. www.a3wsaar.de

Ekkehart Schmidt, geb. 1964. Volkswirt und Journalist, aufgewachsen in Teheran und Köln, seit 1994 im Saarland, bis 2008 wissenschaftlicher Angestellter für Migrationsfragen beim isoplan-Institut. Beschäftigt beim Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland. Seit 2019 im Vorstand von Transition Town Saarbrücken und seit 2024 für bunt.saar Mitglied der Regionalversammlung.

Uschi Schmidt Lenhard, Germanistin (M. A.), Publizistin: Filme (zuletzt: »Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur«, mit Klaus Gietinger), wissenschaftliche Aufsätze, Essays (»Die Frau in der Kunst«), Hörfunk-Features, Herausgeberin (zuletzt: »Andere Menschen sind anders ‒ Eine Anthologie autobiografischer Geschichten«), Dozentin, Malerin, Vorsitzende der Wolfgang Staudte Gesellschaft. 

Volker Schütz, Saarbrücker Medienkünstler, arbeitet mit Oszilloskopen und anderen historischen Geräten zwischen Kunst und Wissenschaft, besitzt eine funktionierende Körperteilverlängerungsmaschine und interessiert sich besonders für das Vermögen und Unvermögen menschlicher und maschineller Wahrnehmung.

Erich Später, geb. 1959, ist Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung Saar. Er publiziert seit 2002 in den Saarbrücker Heften und seit 2004 in der Monatszeitschrift konkret. Mehrere Buchveröffentlichungen, zuletzt »Der dritte Weltkrieg – die Ostfront 1941–45«, Conte Verlag, St. Ingbert 2015.

Hans Therre, geb. 1948, ist literarischer Übersetzer und Autor. Er übersetzte Werke aus den Sprachen Portugiesisch, Französisch und Englisch. Seine Trilogie »Elsterbach, Eine Art Heimatroman« (1), »Das Jahr der Ankunft« (2) und »Inseln im sinkenden Licht« (3) erschien beim Conte Verlag, St. Ingbert. Zuletzt, 2025, erschien sein Kurzroman »Sieh, ich schreibe« in der Edition Hibana in Elchingen bei Ulm. Seit 2009 lebt er wieder im Saarland.

Hans Trautes, geb. 1906 in Oberhausen, gestorben 1989 in Wallerfangen. Sportjournalist und Buchautor.

Marcel Wainstock, geb. 1948 in Zürich, französischer Staatsbürger, hat französische und italienische Philologie sowie vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Saarbrücken und Florenz studiert. Er arbeitete in Saarbrücken, seiner Wahlheimatstadt, wo er weiterhin gerne lebt.

Peter Wettmann-Jungblut, geb. 1959, promovierter Historiker, bis 2025 Mitarbeiter des Saarländischen Landesarchivs; zahlreiche Veröffentlichungen zur Justiz- und Kriminalitätsgeschichte sowie zur saarländischen Landesgeschichte.

Hans Wolf, Mitarbeiter der Aktion 3. Welt Saar. Er beteiligte sich an der Aufarbeitung des Mordfalls Samuel Yeboah.
www.a3wsaar.de

Luca Zarbock hat Politik- und Kommunikationswissenschaft (M. A.) an der Universität Trier studiert. Seit 2021 ist er Teil der Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung Trier (IIA) und arbeitet dort als wissenschaftliche Hilfskraft.

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