Editorial #124


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sie halten ein Unikat in Ihren Händen. Jedes einzelne Titelblatt dieser Ausgabe Nr. 124 der Saarbrücker Hefte wurde von den Saarbrücker Kunstschaffenden Steffi Westermayer und Volker Schütz in einer Mischung aus Linoldruck, Stempeldruck und Kolorierung einzeln handwerklich hergestellt. Dieses Kunstwerk ist deshalb möglich, weil der Künstler und Druckgrafiker Helge Barthold ein Sammler von alten Druckmaschinen ist. Die Druckerei unseres Verlags Blattlaus verfügt deswegen neben moderner Drucktechnik über funktionsfähige Maschinen, die auch in einem Technikmuseum stehen könnten. Und was haben sich die beiden Kunstschaffenden bei ihrer Titelgestaltung gedacht? Am Anfang, so sagen sie, war die Idee der Kohleflöze. Das Zutagefördern von Material aus der Erde erinnert auch an die Arbeit der Saarbrücker Hefte, das Zutagefördern verborgener gesellschaftlicher Fakten. Und die Autobahnen sind Verbindungswege, die sowohl dem Krieg als auch dem Freundesbesuch dienen können. Gerne können Sie uns auch Ihre Gedanken zu Ihrem Kunstwerk mitteilen. Drei Einsendungen, die der Redaktion am besten gefallen, werden mit einem Jahresabonnement belohnt. Eine Veröffentlichung der Texte im nächsten Sommerheft Nr. 125 behalten wir uns vor.

In unserer Titelgeschichte beschäftigt sich Wilfried Voigt mit der städtischen Firma GIU. Es geht um Millionenforderungen von GIU-Geschäftsführer Martin Welker gegenüber der hochverschuldeten Stadt und ihrer Gesellschaft. Welker beriet beide früher als Anwalt und erhielt dafür angeblich kein Honorar. Während CDU-Oberbürgermeister Uwe Conradt sich auf die Seite des heftig umstrittenen GIU-Chefs gestellt hat, fordert Koalitionspartner FDP dessen Rücktritt.

Saarland Inside ist ein kritisches Webportal, das viele kennen. Wir freuen uns, dass wir den Gründer des Portals Roland Lattwein für diese Ausgabe als Autor gewinnen konnten. Er beschreibt anhand des Prüfberichts des Landesrechnungshofes 2020 die Praxis der Sportförderung im Saarland als ein System von Willkür und Korruption.

CDU-Innenminister Bouillon ließ Anfang des Jahres die Ausländerbehörde in der Landeshauptstadt ohne Vorwarnung schließen und verkündete den Umzug der Behörde nach Lebach. Wie Bernhard Dahm beschreibt, ist die Behörde seit längerer Zeit unterbesetzt, was dazu geführt hat, dass Menschen zum Teil länger als ein Jahr auf die Bearbeitung ihrer Anträge warten müssen. 42.000 unbearbeitete Fälle sind bislang aufgelaufen. Für die betroffenen BürgerInnen des Saarlandes ohne deutschen Pass bedeutet dies eine rechtliche und finanzielle Katastrophe. Der Fall Bouillon zeigt zum wiederholten Mal, dass das Wort „Rücktritt“ ein unbekannter Begriff in der saarländischen politischen Kultur ist.

Neben der Sportförderung nach Gutsherrenart und der Dysfunktionalität seines bürokratischen Apparats widmet sich Bouillon auch der städtebaulichen Gestaltung von Saarbrücken. Unter dem Werbetitel „Wir bereiten den Boden für das Quartier Ulanenkaserne“ wird ein neues Wohnquartier an der Mainzer Straße gebaut. Dies veranlasste die Saarbrücker Hefte, der Kriegsspur des 7. Ulanenregiments von Frankreich über China bis Afrika zu folgen. Nach der Lektüre werden Sie sich fragen, warum Menschen in einem Viertel wohnen sollen, das „Ulanenkaserne“ heißt. Die LehrerInnen und SchülerInnen des Deutsch-Französischen Gymnasiums in unmittelbarer Nähe des geplanten Wohnviertels könnten bestimmt einige passendere Namensvorschläge machen.

Das öffentliche Bild Saarbrückens ist ohnehin schon genug von Krieg, Soldaten und Generälen geprägt. Unser Autor Erich Später kommentiert den Bericht der Straßennamenkommission des Bezirks Mitte und fordert, endlich des antifaschistischen Widerstands im Saarland der Jahre 1935 bis 1945 in würdiger Form zu gedenken. Genau das Gegenteil hat der Saarbrücker Stadtrat im Jahr 1956 getan. Wir veröffentlichen als historisches Dokument das Protokoll der Stadtratssitzung von 26. September 1956. Die Folgen dieser Sitzung beschäftigen uns bis heute.

Die Deutsche Internationale Schule in Den Haag hat ihre Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 aufgearbeitet. Einer der dort tätigen Lehrer war von 1937 bis 1945 Franz-Josef Röder, der langjährige saarländische Ministerpräsident. In der digitalen Ausstellung wird Röder als überzeugter Nationalsozialist dargestellt. Dennis Kundrus gibt uns einen Überblick.

Unser Dauerthema bleibt der Zustand des öffentlichen Nahverkehrs im Saarland. Schon in den Heften 120 und 121 hat Werner Ried auf die Notwendigkeit des Ausbaus der Eisenbahn im Saarland hingewiesen. Jetzt können Sie nachlesen, welche konkreten Bahnstrecken ohne großen Aufwand reaktiviert werden könnten.

Der in Saarbrücken geborene New Yorker Regisseur Manfred Kirchheimer ist in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Stefan Ripplinger würdigt ihn in seinem Beitrag als Künstler, der unter anderem in seinem berühmten Film „Stations of the Elevated“ (1981) der Graffitikunst ein Denkmal gesetzt hat. Vielleicht weckt das Werk des neuen Saarbrücker Ehrenbürgers Kirchheimer bei Oberbürgermeister Conradt und seiner Jamaika-Koalition mehr Verständnis und Toleranz für Saarbrücker Graffitikünstler.

Zeitgenössische Kunst, die es ernst meint, hatte es auch in Forbach nie leicht, weiß die Autorin Silvia Buss zu berichten. Sie erzählt uns die Geschichte des Kunstvereins Castel Coucou, der sich der zeitgenössischen bildenden Kunst verschrieben hat und bis November in der ehemaligen Forbacher Synagoge tätig war. Dann beendete Bürgermeister Alexandre Cassaro (Les Républicains) das Mietverhältnis und setzte die KünstlerInnen auf die Straße.

Glück hatte hingegen Timo Poeppel in Saarbrücken. Seinem Vermieter in der Martin-Luther-Straße 7–9 gefällt es gut, dass Poeppel den leerstehenden Laden in seinem Haus als Galerie und Veranstaltungsraum nutzt. Ekkehart Schmidt war neugierig und besuchte für uns den Automat Artspace.

Ich hoffe, dass Ihnen die neue Ausgabe der Saarbrücker Hefte neue Erkenntnisse vermittelt, aber auch Vergnügen bereitet. Im Namen der Redaktion wünsche ich Ihnen ein gutes Jahr 2022.

Ihre Sadija Kavgić

Diesen Beitrag teilen